Wie alles begann

Im Jahre 1900, aus dem alten Dorf Stolpe und der Villen-Colonie Alsen war zwei Jahre zuvor gerade der Ort Wannsee geworden, gründete Wilhelm Hönicke auf dem Hof in der Chausseestraße 15 a eine Mehl- und Fouragehandlung.

  • wilhelm_hoenickeWilhelm Hönicke

Hönicke hatte erkannt, dass der steigende Bedarf an Futtermitteln, Mehl und Kartoffeln durch den ständigen Zuzug reicher Berliner in die Colonie Alsen und in die reizvolle Seenlandschaft vor den Toren der Hauptstadt sein Geschäft fördern würde. Er belieferte die „Colonisten“, wie den Bankier Arnhold, den Verleger Langenscheidt oder die Kunstmäzenin Cornelie Richter, aber auch Fuhrunternehmer, Baugeschäfte und Droschkenkutscher. Anfangs konnte er mit seiner Frau und einem Kutscher den Betrieb noch alleine bewältigen, als sich aber der Kundenkreis bis nach Potsdam im Westen und Zehlendorf und Teltow im Osten erweiterte, stellte er drei weitere Kutscher ein und sein jüngerer Bruder Otto, gelernter Kaufmann, arbeitete mit. 1907 wurde eine Scheune gebaut.

1919 kaufte Otto Hönicke seinem Bruder die Fouragehandlung ab und wohnte mit seiner Frau Elisabeth und seiner 1914 geborenen Tochter Hildegard in der Chausseestraße 15 a.

Als 1924 die Scheune der Fouragehandlung mit großen Mengen Heu und Stroh bis auf die Grundmauern abbrannte, begann der Baumeister Liebenow mit einem Neubau, der eine eigenwillige, kosten- und ressourcensparende Dachkonstruktion erhielt: das Zollinger Dach, heute ein Baudenkmal in immer noch tadellosem Zustand.

Otto Hönicke konnte sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Der Reitstall der Ufa mit ca. 20 Pferden in Klein-Glienicke, nach Potsdam, Babelsberg, Sacrow, Kladow, Nikolassee, Schlachtensee und Zehlendorf wurde geliefert. Auch während des Krieges ging der Handel, wenn auch mit Einschränkungen, weiter. In den letzten Kriegstagen wurde vor allem im Dorfkern viel zerstört, die Chausseestraße kam mit kleineren Schäden davon. Bis zum Einmarsch der Amerikaner diente der Hof der Futtermittelhandlung als Russenlager mit vielen Panjewagen.

  • hildegard_immenhausenHildegard Immenhausen

Hildegard Immenhausen erbte 1957 nach dem Tod ihrer Eltern Haus, Hof und Firma. Im Laufe der 1970er Jahre verändert sich die seit Kriegsende wenig gewandelte Struktur des Vorortes: Erste Supermärkte entstanden - kleine Läden, kleinere Handwerksbetriebe und Gewerbetreibende mussten aufgeben. Unter den veränderten Verhältnissen litt auch die Firma Hönicke, sodass die Inhaberin 1977 das Geschäft zum Jahresende schloss.

  • mutter-fourage-gruenderDie drei Gründer: W.Immenhausen; L.Peters und S.Reisner

Ihr Sohn Wolfgang Immenhausen, inzwischen Schauspieler am Berliner Grips-Theater, entdeckte nun seine Wurzeln wieder. Die Rückkehr auf den kopfsteingepflasterten Hof mit Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden und Scheune, Abenteuerspielplatz seiner Kindheit, führten sein Leben in eine neue Richtung. Er beschloss die alte Fouragehandlung des Großvaters, in der er aufgewachsen war, unter neuen Aspekten wiederzubeleben. Zusammen mit Künstlerfreunden gründete er 1977 die ‚Mutter Fourage’, eine ökologische Futter- und Gartenbedarfshandlung, die auch als Kampfansage gegen die zunehmende Umweltzerstörung gedacht war. Heute ist leicht vergessen, dass vor über 30 Jahren die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Umweltschutz noch als eine Fahrkarte zurück ins finsterste Mittelalter anfeindete.

Zunächst standen noch Pferde im Stall, Federvieh flatterte herum und Hängebauchschweine begeisterten die Kinder, die mehr und mehr mit ihren Eltern kamen. Man veranstaltete Kinderfeste mit Clowns, Pfingstkonzerte und Hoffeste für Nachbarn und Freunde aus der Stadt. Befreundete Künstler erhielten Gelegenheit, sich auf der Bühne der Scheune vor Publikum auszuprobieren. Mutter Fourage war schon nach wenigen Jahren ein beliebter Treffpunkt und Geheimtipp in West-Berlin.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat Wolfgang Immenhausen die Scheune mit der außergewöhnlichen Dachkonstruktion konsequent als Veranstaltungsort für Konzerte, Theater und Lesungen etabliert sowie in dem ehemaligen Wagenschuppen die Galerie Mutter Fourage aufgebaut. Ihr angeschlossen ist ein Kunsthandel mit dem Schwerpunkt Wannseer Maler, wie Philipp Franck und Max Liebermann. Aber auch vergessene Künstler der Secession, wie Emil Pottner und Franz Heckendorf finden hier Raum und Würdigung ihres Werkes.

Der Hof wurde mit der Zeit behutsam im märkischen Stil restauriert und verschönert. Aus der ökologischen Futter- und Gartenbedarfshandlung entwickelte sich 1989 einer der ersten Naturkostläden Berlins sowie der Handel mit Pflanzen, Terrakotten und Gartenbedarf. 1995 eröffnete das Hofcafe, das inzwischen zu den beliebtesten Gartenlokalen der Stadt zählt und gerne von Ausflüglern und Wannseer Nachbarn besucht wird.

  • hofkonzert_1978Hofkonzert 1978
  • ausstellung_scheune_1984Ausstellung in der Scheune 1984
  • aufbau_taubenturm_1980Aufbau des Taubenturms 1980